Viele Abende hintereinander liege ich in meinem Bett und bete dieselben Worte: „Bitte lieber Gott, hol mich hier raus und rette meine Seele.“ Das Zimmer ist dunkel. Das Fenster hat keine Gardinen. Ich bete. Abend für Abend. Und dann höre ich an einem Nachmittag plötzlich eine klare, anweisende Stimme in mir. Es ist nicht meine Stimme. „Gehe zu einem Erwachsenen und sage ihm, er soll das Jugendamt einschalten.“ Meine Schwester ist zehn Jahre älter als ich. Für mich ist sie groß. Ich gehe zu ihr und sage: „Bitte schalte das Jugendamt ein.“ Und sie tut es. Fast zwei Jahre später stehe ich vor dem Familiengericht. Der Richter fragt mich.Ich soll die Wahrheit sagen. „Ja, es ist mein freiwilliger Wunsch auszuziehen.“ Ich bin ganz klar. Ich weiß dass ich als nächstes in einer Wohngruppe für Jugendliche wohnen möchte. Ich sitze nun bei meiner Schwester auf ihrem Sofa. Sie stellt mir eine Frage.„Willst du mit uns zusammenleben?“ In diesem Moment kommt ein einziger Gedanke in mir auf: „Was ist, wenn sie glaubt, dass ich sie nicht mehr lieb habe?“ Alles andere tritt in den Hintergrund.Ich antworte: „Ja.“
V iele Jahre später erkannte ich auf einen Blick, was in diesem Moment geschehen war.Heute weiß ich: Diese Geschichte ist ein wesentliches Puzzlestück meines Weges. Eine Berufung entwickelt sich über viele Jahre.
Damals fehlte ein Raum zum Prüfen. Ich hatte Klarheit. Eine klare Richtung. Doch in dem Moment, in dem meine Schwester mir diese eine Frage stellte, gab es keinen Raum mehr, innezuhalten und das, was in mir geschah, wahrzunehmen und zu prüfen. Solche Momente erleben nicht nur Kinder. Erwachsene geraten immer wieder in Situationen, in denen ein einziger Gedanke den ganzen Raum einnimmt und die innere Orientierung überlagert.
Heute begleite ich Menschen genau in solchen Momenten. Ich eröffne einen Raum, in dem das, was innerlich geschieht, wahrgenommen werden darf. Ich stelle Fragen, lenke den Blick auf das Wesentliche und erkläre Zusammenhänge. Gemeinsam prüfen wir, was trägt und was den Blick auf das Wesentliche überlagert. Unterscheidungsvermögen will reifen. Nicht durch schnelle Antworten oder Entscheidungen, sondern indem wir lernen, aufmerksam wahrzunehmen, sorgfältig zu prüfen und dem zu folgen, was wir als wahr erkennen.
Ich weiß, dass der Heilige Geist führt.
Als Geistliche Begleiterin begleite ich Menschen dabei, seine Führung immer klarer wahrzunehmen, sorgfältig zu prüfen und ihr zu folgen. Ich bin eine Liebende der Wahrheit.